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Frankreich / Chile / Spanien 2015, 82 Min

Drehbuch/Regie Patricio Guzmán

Produzentin Renate Sachse (Atacama Productions)

Schnitt Emmanuelle Joly

Regieassistent Nicolás Lasnibat

Ton Álvaro Silva Wuth

Originalmusik Miranda & Tobar, Hughes Maréchal

Kamera Katell Djian

Zusätzliche Kamera Patricio Guzmán, David Bravo, Yves de Peretti, Patricio Gianfranco, Raúl Beas

Standfotos Martín Gusinde, Paz Errázuriz

Tonschnitt und Mischung Jean-Jacques Quinet

Künstlerische Beraterin Renate Sachse

Ausführender Produzent Adrien Oumhani

Exekutiv Produzentin in Chile Verónica Rosselot

Koproduzenten Bruno Bettati, Fernando Lataste, Jaume Roures Llop

Koproduktion Valdivia Film, Mediapro, France 3 Cinéma


DER PERLMUTTKNOPF


Ein Film von Patricio Guzmán

Kinostart: 10. Dezember 2015


Trailer

Stadt  Kino  Termin  Info   
Aachen  Apollo  ab 10.12.2015     
Bad Urach  forum 22  28.01.-03.02.2016     
Bamberg  Lichtspiel  10.01.-20.01.2016     
Berlin  Bali Kino  07.01.-13.01.2016     
Berlin  Brotfabrik  10.12.-23.12.2015     
Berlin  Central Kino  ab 10.12.2015     
Berlin  filmkunst 66  09.12.2015  20.00 Uhr Premiere mit Regisseur und Produzentin   
Berlin  filmkunst 66  ab 10.12.2015     
Berlin  fsk  09.12.2015  18.00 Uhr Premiere mit Regisseur und Produzentin   
Berlin  fsk  ab 10.12.2015     
Berlin  Ladenkino  ab 24.12.2015     
Berlin  Rollberg  ab 10.12.2015     
Berlin  Tilsiter Programmkino  ab 07.01.2016     
Bochum   Endstation  ab 10.12.2015     
Bonn  Brotfabrik  ab 11.02.2016     
Braunschweig  Universum  09.05.2016     
Bremen  City 46  08.12.2015  Preview   
Bremen  City 46  10.12.-16.12.2015     
Dortmund  Kino im U  11.02. + 12.02.2016     
Dortmund  Sweetsixteen  10.12.-23.12.2015     
Dresden  Kino im Dach  ab 10.12.2015     
Düsseldorf  Bambi   ab 10.12.2015     
Essen  Filmstudio  13.+14.+15.12.2015     
Esslingen  Koki  07.12.2015  Preview Festival de Cine Espanol   
Frankfurt  Filmforum Hoechst  24.12.-30.12.2015     
Frankfurt  Mal Seh´n  10.12.-23.12.2015     
Freiburg  Friedrichsbau  ab 10.12.2015     
Friedrichshafen  Studio 17  24.03. + 28.03.2016     
Fürth  Babylon  ab 10.12.2015     
Füssen  Alpenfilmtheater  19.+20.01.2016     
Gera  Filmclub Comma  04.02.2016     
Göttingen  Lumiere  21.01.-27.01.2016     
Hagen  Babylon  28.01.-02.02.2016     
Halle   Lux  ab 17.01.2016     
Hamburg  3001 Kino  07.02.+08.02.+14.+16.02.2016  am 10.12.mit Regisseur und Produzentin   
Hamburg  Lichtmess  03.03.2016     
Hannover  Kino im Künstlerhaus  10.12.-16.12.2015     
Hannover  Kino im Sprengel  26.+27.02.2016     
Heidelberg  Karlstor  20.02.2016     
Herdecke  Onikon  03.04.2016     
Herrsching  Breitwand  ab 10.12.2015     
Ingolstadt  Audi-Programmkino  17.12.-23.12.2015     
Karlsruhe  Kinemathek  07.01.-13.01.2016     
Köln  Filmpalette  ab 10.12.2015     
Köln  Weisshaus   08.12.2015  Premiere mit Regisseur und Produzentin   
Konstanz  Scala  10.12.-16.12.2015     
Landsberg  Filmforum  21.02.2016     
Landshut  Kinoptikum  23.+24.02.2016     
Leizpig  Schaubühne  02.01.+05.01.+06.01.2016     
Lich  Kino Traumstern  10.01.-13.01.2016     
Ludwigsburg  Caligari  17.12.-23.12.2015     
Lüneburg  Scala  ab 10.12.2015     
Mainz  Cinemayence  21.-27.01.2016     
Mannheim  Cinema Quadrat  10.12.-16.12.2015     
Marburg  Palette  ab 25.12.2015     
Marktoberdorf  Filmburg  ab 30.01.2016     
München  Arena  ab 10.12.2015  Preview am 2.12. im Monopol   
München  Studio Isabella  09.12.2015  Preview Cine Espanol   
Münster  Cinema  ab 10.12.2015     
Neustrelitz  Fabrik Kino 1  28.01.-03.02.2016     
Nürnberg  Filmhaus  ab 10.12.2015     
Oldenburg  Casablanca  ab 28.01.2016     
Pforzheim  Kommunales Kino  28.01.-31.01.2016     
Regensburg  Filmgalerie  ab 10.12.2015, 17.01.+24.01.+31.01.2016     
Saarbrücken  Filmhaus  ab 25.12.2015     
Schwäbisch Hall  Kino im Schafstall  04.02.-08.02.2016     
Tübingen  Arsenal  09.12.2015  Preview Festival de Cine Espanol   
Wasserburg  Utopia  28.01.2016     
Weimar  Mon Ami  10.12.-16.12.2015     
Wiesbaden  Caligari  09.+13.01.2016     
Würzburg  Central Programmkino  10.12.-16.12.2015     

 

 

Kurzinhalt


In seinem neuen Dokumentarfilm erzählt Patricio Guzmán (Nostalgia de la Luz) die Geschichte Chiles als eine Kulturgeschichte des Wassers und des Pazifischen Ozeans, der den größten Teil der Ländergrenzen von Chile ausmacht. Der Film erzählt von der indigenen Bevölkerung, die als Volk von Seefahrern eine besonders enge Beziehung zum Wasser hatte, und spannt dabei einen Bogen von ihrer Auslöschung und dem Verlust ihrer kulturellen Schätze zu den Toten der Militärdiktatur, die von Pinochets Regime im Meer versenkt wurden. Die Kontinuität der Gewalt in der Geschichte Chiles kontrastiert mit den atemberaubenden Bildern der Chilenischen Landschaft. So entsteht ein poetischer Sog zwischen Vergangenheit und Gegenwart eines verletzten Landes und seines einmaligen kulturellen, politischen und landschaftlichen Erbes. Der Film wurde auf der Berlinale 2015 mit dem silbernen Bären für das beste Drehbuch ausgezeichnet.

 

 

Anmerkungen des Regisseurs

 


Westpatagonien
Der größte Archipel der Welt liegt im Süden Chiles. Die unzähligen Inseln, Inselchen, Felsen und Fjorde sind als „Westpatagonien“ bekannt. Die Gesamtlänge der Küste wird auf 74.000 km geschätzt. Teile dieser Region sind noch unerforscht. Sie umfasst die Südspitze des Kontinents und reicht vom Golf von Penas bis zur Isla de los Estados (dem südlichsten Punkt von Südamerika). Dieses riesige Labyrinth aus Wasser erinnert an den Ursprung des Menschen im Wasser. Dem deutschen Wissenschaftler Theodor Schwenk zufolge ist das Innenohr eine gewundene Molluske, das Herz das Zusammentreffen von zwei Unterwasserströmungen, und einige Knochen in unserem Körper sind spiralenförmig zusammengerollt wie ein Strudel.


Wasser im Kosmos
Wasser gehört nicht nur den Erdlingen. Es ist ein verbreitetes Element im Solarsystem. Manche Planeten wie Jupiter und Saturn enthalten es in der Form von Dampf. Auf dem Mars, dem Mond, Europa und Titan wurde es als Eis gefunden. Abgesehen vom Solarsystem enthalten noch andere Körper viel Wasser. 2010 wurden in Chile von der Sternwarte La Silla aus einige Sterne beobachtet, die möglicherweise flüssiges Wasser enthalten und die den Planeten Gliese im Sternbild Waage umkreisen, zwanzig Lichtjahre von der Erde entfernt. Bis jetzt kann niemand widerlegen, dass es dort womöglich ein Archipel wie Patagonien gibt.

 


Das Wasservolk
Einen Film über diese Orte zu machen inspirierte mich auch dazu, einen Teil der Geschichte ihrer Einwohner zu filmen. In den Worten von Theodor Schwenk: „Der Denkvorgang ähnelt Wasser aufgrund seiner Fähigkeit, sich allem anzupassen. Verstand und Wasser gehorchen demselben Gesetz: Beide sind in der Lage, sich allem anzupassen.“ Dies mag erklären, wie es einer Gruppe von Menschen gelang, zehntausend Jahre hier zu leben, isoliert und bei Polartemperaturen, bei Winden mit einer Geschwindigkeit von 200 km/h. Es wird angenommen, dass im 18. Jahrhundert 8000 Menschen dort lebten. Jetzt sind nur noch zwanzig direkte Nachfahren übrig.

 

 

Ein Gespräch zwischen Frederick Wiseman und Patricio Guzmán

 


FRED: Was ist die Beziehung zwischen diesem Film und deinem letzten Film „Nostalgia de la luz – Nostalgie des Lichts“?

PATRICIO: Ich glaube, es ist ein Diptychon. Der erste spielt im hohen Norden und der zweite im tiefen Süden. Ich dachte an ein anderes Extrem, und vielleicht werde ich den dritten Film über die Gebirgskette der Anden machen, die Wirbelsäule von Chile und Amerika. Aber bis jetzt habe ich keinen konkreten Plan und weiß noch nicht mal, ob ich dazu fähig wäre.

F: Die Schönheit der Einleitung hat mich beeindruckt.


P: Wir filmten in zwei Segelbooten unter dem Kommando von Keri Lee Pashuk und Greg Landreth, die siebzehn Reisen in die Antarktis hinter sich haben. Sie führten uns zu den außergewöhnlichen Gletschern, der eindrucksvollen Gebirgskette von Patagonien. Es ist ein Insel-Labyrinth. Wir segelten viele Kilometer vom Almirantazgo-Fjord zum Beagle-Kanal.

F: Meiner Meinung nach haben alle guten Filme immer zwei Stimmen: Die eine ist die wörtliche Stimme, die andere die abstrakte, metaphorische Stimme. Ich glaube, in diesem Fall entsteht der wahre Film aus dem Übergang von einer zur anderen. Kannst du mir ein Beispiel nennen, wie diese beiden Stimmen in deinem Film verbunden wurden?


P: Wenn ich eine zwei oder drei Minuten lange Szene schneide und damit fertig bin, ergänze ich sofort die Erzählerstimme und schreibe den Text auf ein leeres Blatt. Ich schreibe vier oder fünf Sätze auf und nehme sie zum Bild auf. Die Stimme ist also improvisiert, obwohl sie immer indirekt ist. Nur selten ist sie informativ. Danach ist es für mich erledigt, und ich denke nicht mehr darüber nach. Ich gehe zur nächsten Szene über. In mir besteht bereits eine Art Intuition für die Geschichte, die ich erzählen will. Es fällt mir leicht, das zu beschreiben, was ich schon lange im Kopf hatte.

F: Mir gefällt sehr gut, wie du die Karte von Chile rekonstruiert hast und wie sie während der Szene ausgerollt wird.

P: Emma Malig, eine befreundete Malerin, macht schon lange Karten von erfundenen Kontinenten, die sie „wandernde“ Länder nennt, Länder der Schiffbrüche, des Exils. In meinem Film „Salvador Allende“ filmte ich ihre Fantasieländer zum ersten Mal. Diesmal bat ich sie um eine vollständige, maßstabgetreue Karte von Chile, die 15 m lang ist. Sie ähnelt der ockergelben Haut eines prähistorischen Tieres. Es ist ein einzigartiges und großartiges Kunstwerk.


F: Warum bist du so besessen von den Geschichten um Pinochets Putsch? Warum glaubst du, dass es so wichtig ist, immer zu diesem Thema zurückzukehren?

P: Ich komme einfach nicht weg von diesem Zeitpunkt. Es ist, als ob ich als Kind dabei zugesehen hätte, wie mein Zuhause abbrennt. Und als ob alle meine Bücher mit Geschichten, meine Spiele, Gegenstände, Comics vor meinen Augen verbrannt wären. Ich fühle mich wie ein Kind, dass dieses Feuer, das erst vor kurzem stattfand, nicht vergessen kann. Zeit empfindet jeder anders, finde ich. Wenn ich meine Freunde in Chile frage, ob sie sich an den Militärputsch erinnern, sagen viele, er erscheine ihnen fern, das sei lange her. Aber für mich ist keine Zeit vergangen. Es ist so, als wäre es vor einem Jahr gewesen, vor einem Monat oder vor einer Woche. Es ist, als säße ich in einer Bernsteinkapsel fest wie diese uralten Insekten, die in einem Tropfen für immer unbeweglich sind. Manche chilenischen Freunde sagen zu mir, dass ich in einer Falle lebe, dass ich krank sei. Ich schaue sie an und sehe, dass die meisten von ihnen älter sind als ich, dicker als ich, krummer als ich. Und ich komme zu dem Schluss, dass ich quicklebendig bin in meiner Kapsel.

F: Glaubst du, dass die Öffentlichkeit und das chilenische Volk diese Fragen vergessen wollen? Ist das Teil deiner Motivierung, ich meine, dass es nie vergessen wird?

P: Die jungen Leute wollen unbedingt mehr erfahren über das, was passiert ist. Die meisten Großeltern, Eltern, Lehrer haben ihnen nichts richtig im Detail erzählt. Deshalb sind sie neugierig auf eine Vergangenheit, die sie nicht gut kennen. Außerdem gehören sie der Generation an, die keine Angst hat. Sie sind offen dafür zu verstehen, was geschehen ist. Es gibt eine starke Studentenbewegung in Chile. Wir haben einige ihrer Anführer interviewt: Gabriel Boric, Giorgio Jackson. Salvador Allendes Projekt ist für sie ein Modell. Andererseits ist ein „modernes“ Chile ein Paradox. Das „moderne“ Chile ist viel älter als das Chile, das ich kannte. Das „moderne“ Chile ist ein Land, in dem Homosexuelle keine Rechte haben, in dem Abtreibung illegal ist und das unter Pinochets Konstitution lebt.

F: Wie erklärst du das?

P: Der rechte Flügel hat vierzig Jahre lang eine Konstitution mit vielen Fallen aufrechtgehalten. Die Stimmen der demokratischen Opposition konnten nie die der Rechten übertreffen, die das Konzept des „inneren Feindes“ unterhielt. Das könnte sich jetzt ändern, da das Parlament gerade einer Reform des binominalen Wahlsystems zugestimmt hat, das jetzt proportional sein wird (am 20. Januar 2015). Allmählich trennt sich Chile von dem Erbe der Diktatur Pinochets. Ich hoffe, das Land wird wieder interessanter, abwechslungsreicher und demokratischer werden. Genau das war Salvador Allende: ein demokratischer und freiheitsliebender Mensch. Das ist das große Erbe, das er diesem Land hinterlassen hat, das so lang ist wie ein Spaghetti.

F: Warum blieb Pinochets Konstitution so lange unverändert erhalten?

P: Pinochet wurde durch eine Volksbewegung entmachtet. Die Unruhe in den Arbeitervierteln, Universitäten, Gymnasien, im Zentrum von Santiago usw. war so groß, dass die CIA Pinochet den Befehl gab, ein Referendum zu organisieren, um diese mögliche Rebellion zu neutralisieren. Pinochet hat es organisiert und verloren. Am nächsten Tag kamen die Berufspolitiker an die Macht und schlossen einen Schweigepakt mit den Militärs.

F: Kam es dazu, weil die Armee beteiligt war?

P: Die Armee war immer an allen chilenischen Angelegenheiten beteiligt, auch heute noch. Sie dominiert das Land. Die Idee des Schweigepakts ist vermutlich die Folge von Felipe González‘ Einfluss während der Übergangsperiode. Zu dem Pakt kam es nach Francos Tod in Spanien. Er beinhaltete, dass über alles geredet wurde, nur nicht über das historische Gedächtnis und die Gemeinschaftsgräber. Die Volksmassen, die in Chile die Diktatur bekämpft hatten, wurden von der Macht ferngehalten. Das linke Zentrum übernahm die Macht. Aber diese „Linke“ wurde bis zum heutigen Tag zunehmend verwässert. Ungefähr 40 % der Verbrechen der Diktatur kamen vor Gericht, die übrigen Verbrechen jedoch nicht. Die Zivilisten, die an der Diktatur beteiligt waren, wurden zum Beispiel kaum belangt. Im Grunde ist Chile eine große einsame Insel, auf der die Leute viel arbeiten, hart arbeiten und sehr früh aufstehen. Manche Angestellten haben nur einen Anzug, den ihre Frau jeden Abend bügelt, und sie kämpfen darum, einer Mittelklasse anzugehören, die kein Glück kennt. Ich glaube, der Putsch wird ein Jahrhundert lang zu spüren sein. Es ist eine Insel ohne Streikrecht, ohne Redefreiheit und wo sich die Kirche in die Staatsangelegenheiten einmischt. Als ich jung war, war die chilenische Kirche eine der tolerantesten auf dem Kontinent. Deshalb glaube ich, dass die wahre republikanische Modernität hinter uns liegt, nicht vor uns.

F: Spielt das Wasser in deinem neuen Film dieselbe Rolle wie die Wüste in deinem letzten Film?

P: Ich glaube, das ist wahr. Was im letzten Film fest war, ist in diesem flüssig.

F: An beiden Orten werden Tote gefunden. Geht es um zwei Friedhöfe? Spielt das eine wörtliche oder eine metaphysische Rolle in beiden Filmen? Ich glaube, es ist eine Metapher.

P: Beides. Ich benutze gern Metaphern, um den Dokumentarfilm von den Informationsmedien zu entfernen und weil sie ein sehr ergiebiges erzählerisches Werkzeug sind, das die Leute zum Nachdenken anregt. Aber es spielt auch eine „wörtliche Rolle“, weil es diese natürlichen Friedhöfe wirklich gegeben hat. Die Wüste war die erste Wahl, als es darum ging, Körper verschwinden zu lassen, danach kamen Vulkankrater und schließlich der Ozean. Sie banden die Körper an Schienenstücke, damit sie spurlos untertauchten.

F: Ist der Mann, den du interviewst, ein Pilot?

P: Er war ein Mechaniker für die PUMA-Hubschrauber. Der Richter Juan Guzmán gab mir den Hinweis. Er kam zu folgendem Schluss: In der Wüste wurden hundert Leichen gefunden. Wo sind die übrigen? Es gibt zwei Möglichkeiten: auf dem Meeresgrund oder in den Vulkankratern. Sie suchten im Meer, und der Richter gab Inspektor Vignolo den Auftrag, die Schienen vor der Küste von Quintero zu finden. An einer der Schienen wurde ein eingebetteter Hemdsknopf gefunden. Diese Schiene liegt im Museum der Villa Grimaldi in Santiago. Richter Guzmán glaubt, dass weiter draußen im Meer weitere Schienen liegen könnten. Wenn sie ein riesiges U-Boot hätten, könnten sie eine umfassende Suche in den großen Meerestiefen durchführen und würden sicher noch viele Tote finden.

F: Wer ist der Dichter Raúl Zurita?

P: Ich finde, er ist einer der bedeutendsten modernen Dichter Chiles. Er ist ein außergewöhnlich begabter Künstler. Es gefällt mir sehr, wenn er sagt, dass die Militärs Feiglinge sind. Er nannte das Beispiel von Achilles und Troja und Hektors Leiche, die den Trojanern zurückgebracht wird, als Zeichen der Ehrerbietung gegenüber den feindlichen Kriegern. Aber das habe ich nicht im Film benutzt, da er viele andere wichtige Dinge in der Szene sagt.

F: In deinem Film gibt es einige Elemente, die zwischen Spielfilm und Dokumentarfilm liegen, weil du manche Leute gebeten hast, bestimmte Dinge zu tun. Er enthält auch echte Regie, wie in einem Spielfilm. Warum hast du das getan?

P: Ich habe die Schienen auf den Körpern rekonstruiert, weil ich das Buch des Journalisten Javier Rebolledo gelesen hatte, der dieses Thema sehr genau untersucht hat. Ich sprach mit Rebolledo, der mir die verheimlichten Fakten erklärt hat. Es war ein furchtbar gruseliges Erlebnis für mich, zu sehen, wie die Puppe eingepackt wurde, damit man sie ins Meer werfen konnte, denn sie kam mir wie ein echter Körper vor. Schockierend ist auch der Gedanke, dass es eine Menge Organisation erforderte, 1400 Menschen verschwinden zu lassen. Wenn bei jedem Flug neun Leichen transportiert wurden, müssen es hunderte von Flügen gewesen sein. Es wurden auch Leichen aus Booten geworfen. Eine kleine Gruppe von Soldaten kam eines Nachts zu einem Hafen und zwang den Eigentümer eines Fischerboots, „Pakete“ an Bord zu nehmen. Das waren Leichen, die ins Meer geworfen wurden. Dasselbe geschah auf Seen und Flüssen.

F: Was passiert, wenn du deine Filme in Chile zeigst?

P: Ich habe ein Stammpublikum, das meine Filme kennt. Das sind ungefähr 5000 Personen. Aber kein Fernsehsender strahlt meine Filme aus. Nur einmal kam es dazu. Sie zeigten „Nostalgia de la luz – Nostalgie des Lichts“ um ein Uhr morgens und mit vertauschten Filmspulen. Sie entschuldigten sich und mussten den Film noch mal zeigen, aber fast zur selben Zeit.

 



Protagonisten

Gabriela Paterito
Gabriela wurde bei der Insel Calao im Fjord von Picton geboren. Sie ist ungefähr 73 Jahre alt. Sie lernte schon mit sechs Jahren rudern und tauchen. Gabriela reiste mit ihrer Familie hunderte von Kilometern in einem Kanu von Punta Arenas bis zum Golf von Penas. Sie ist die letzte Nachfahrin der ethnischen Gruppe Kawésqar, die ihr Leben und das ihrer Familie mit absoluter Klarheit und Präzision erzählen kann. Dank ihres Sohnes, Juan Carlos Tonko, der Gabrielas Leben der Öffentlichkeit nahebrachte, ist sie nicht mehr namenlos. Sie lebt in Puerto Eden und lebt von Kunsthandwerken. Beim Filmen lernten wir noch andere Landsleute von ihr kennen: Alfredo Renchi, Francisco González und Yolanda Mesier.

Cristina Calderon
Cristina ist die letzte Nachfahrin der ethnischen Gruppe Yámana, die vom Staatsrat der Kultur und der Künste von Chile (CNCA) als „lebendiges Kulturerbe“ anerkannt wurde. Sie ist 86 Jahre alt und lebt von gewebten Kunsthandwerken. Sie und ihre Familie haben sich bemüht, ihre Kultur, Traditionen, Geschichten und Yámana-Legenden zu bewahren. Sie lebt in Villa Ukika, gegenüber des Beagle-Kanals bei Puerto Williams (der südlichsten Stadt der Welt).

Martin C. Calderon
Cristinas Neffe. Martin entdeckte Höhlenmalereien seines Yámana-Stamms auf der Insel Shapine. Er baut traditionelle Kanus, wie er es von seinem Vater gelernt hat. Als Kind umrundete er mit ihm das Kap Hoorn. Das Kanu wurde mit Paddeln und einem kleinen Segel angetrieben. Jetzt verbietet ihm die chilenische Marine, auf See zu gehen, weil seine Boote zu klein sind.

Gabriel Salazar
Professor an der Fakultät für Philosophie und Recht an der Universität von Chile. Gabriel Salazar, ein Sozialhistoriker, wurde 2006 mit dem Staatlichen Geschichtspreis ausgezeichnet. Unter Salvador Allendes Regierung war er ein aktives Mitglied der MIR (Bewegung der Revolutionären Linken). Er wurde in Pinochets Gefängnissen gefoltert, wo er zwei Jahre lang eingesperrt war. Nach seiner Freilassung erhielt er ein Stipendium von England, um in Wirtschafts- und Sozialgeschichte zu promovieren. Er kehrte 1986 nach Chile zurück. Er ist einer der leidenschaftlichsten Intellektuellen Chiles und engagiert sich für das Studium der chilenischen Arbeiterklasse. 2011 führte er die Unterstützung für Studenten von Chile an.

Raul Zurita
Ein militanter Kommunist, der nach dem Putsch im Laderaum des Schiffs Maipo eingesperrt und gefoltert wurde. Nach seiner Freilassung wurde Zurita ein radikales Mitglied der CADA-Gruppe (Kunst- und Aktions-Kollektiv). Bei Performances setzte er seinen Körper als ausdrucksstarkes Medium ein und ging bis zum Martyrium und zur Selbstverstümmelung: Er verbrannte seine Wange mit einem Bügeleisen oder sprühte sich Spray in die Augen, um seine „Machtlosigkeit“ gegenüber der Diktatur auszudrücken sowie die „Notwendigkeit, ohne Worte zu sprechen“. Mit Sand der Atacamawüste schrieb er den unglaublichen Satz: „Weder Schmerz noch Angst“. In New York schrieben fünf Flugzeuge eines seiner Gedichte 9 km lang in den Himmel. Allmählich näherte sich Zurita immer mehr der totalen Kunstform. Er veröffentlichte seine Gedichte “Cantos de los ríos que se aman” (Lied von Flüssen und Liebe), “El paraíso está vacío” (Das Paradies ist leer), “La vida nueva” (Das neue Leben), “Los poemas muertos” (Tote Gedichte), “Los países muertos” (Tote Länder), “Las ciudades de agua” (Städte des Wassers) usw. Zurita wurde Chiles beliebtester Dichter und erhielt im Jahre 2000 den Staatlichen Literaturpreis.

Claudio Mercado
Gründer des Archivs für Indianermusik am Chilenischen Museum für Präkolumbische Kunst. Gründer der Musikgruppe La Chimuchina. Ein Anthropologe mit Auszeichnung in Archäologie und einem Master in Musikwissenschaft. Claudio Mercado ist Komponist und Interpret von experimenteller Musik. Er respektiert die traditionellen Lieder, die er mit Gruppen von Bauern an der Küste und in Zentral- und Nordchile spielt.

Paz Erraruiz, Martin Gusinde
Dieser Film hätte nicht ohne die historischen Fotografien gemacht werden können. Eine großartige Frau, Paz Errázuriz, reiste in den 1990er-Jahren zu den Überlenden der Kawésqar in dem kleinen Dorf Puerto Eden. Intuition und Talent waren ihre Motivation. Sie blieb in der südlichen Region, um die Indianer mit bisher unerreichtem Können zu fotografieren. Zu Anfang des Jahrhunderts machte ein anderer großartiger Fotograf, der österreichische Priester Martin Gusinde, mehr als tausend Fotos von der ethnischen Gruppe Selk’nam in ihren Kanus, bei ihrem Alltag und ihren Zeremonien, die immer noch geheimnisvoll sind. Die Qualität dieser Schwarzweißbilder ermöglichte es mir, einen flüchtigen Augenblick dieses erstaunlichen Lebens, das durch die Verbrechen der Siedler zerstört wurde, nachzuempfinden.

 

 

Regisseur Patricio Guzmán

 


Nach dem Militärputsch, der zum Sturz von Präsident Salvador Allende führte, wurde Patricio Guzmán im Nationalstadion in Santiago festgehalten und mit Erschießungen bedroht. Er verließ Chile im November 1973. Seitdem lebte er auf Kuba, in Spanien und in Frankreich, wo er auch jetzt noch lebt. Sechs seiner Filme hatten beim Festival von Cannes Premiere, unter anderem „La Batalla de Chile“, „El Caso Pinochet“, „Salvador Allende“ und „Nostalgia de la luz – Nostalgie des Lichts“. Letzterer erhielt 2010 den Großen Preis der Europäischen Filmakademie. Patricio Guzmán ist Begründer des Internationalen Dokumentarfilmfestivals Santiago. Die letzten Retrospektiven: British Film Institut, Harvard Film Archive. 2013 wurde er zum Mitglied der Academy of Motion Pictures Arts and Sciences ernannt. Seine Trilogie „La Batalla de Chile“ gilt als einer der besten Dokumentarfilme aller Zeiten.

Filmografie

NOSTALGIA FOR THE LIGHT
Best documentary, European Film Academy Prize 2010 Official Selection Out of Competition, Cannes Film Festival 2010 Best documentary, International Association of Documentary makers IDA, EU 2011 Selected one of 20 best documentaries of the century (Sight and Sound), England 2013

SALVADOR ALLENDE
Official Selection Out of Competition, Cannes Film Festival 2004
THE PINOCHET CASE
International Critics’ week, Cannes Film Festival 2001 Grand Prix, Marseille Film Festival 2001 Golden Gate Award, San Francisco Film Festival 2002

OBSTINATE MEMORY
Grand Prix, Florence Film Festival 1997 Grand Prix, Tel Aviv Film Festival 1999 Best Documentary, Hot Docs Film Festival, Canada 1998

THE SOUTHERN CROSS
Grand Prix, Marseille Film Festival 1992 Tiempo de Historia Award, Valladolid Film Festival 1992 Spirit of Freedom Award, Jerusalem Film Festival 1994

THE BATTLE OF CHILE I-II-III
Directors’ Fortnight, Cannes Film Festival 1975, 1976 Filmforum, Berlin Film Festival 1975, 1976, 1979 Grand Prix, Havana Film Festival 1979